Rezension zu: Zeit der Raben von Charles Todd

zeit der raben

Autor: Charles Todd

Verlag: Heyne

England 1919/1920
Inspector Rutledge vom Scotland Yard in London wird in die Provinz geschickt, um einen Angriff auf den Dorfpolizisten aufzuklären. Entgegen des Klappentextes wird der Polizist nicht tot aufgefunden, sondern schwer verletzt. Jemand hat mit einem Pfeil in einem Wäldchen auf ihn geschossen. Schnell wird dem Inspector klar, dass das Verschwinden der jungen Emma drei Jahre zuvor mit dem Angriff auf den Polizisten zu tun haben muss. Doch die Dorfbewohner schweigen sich aus.
Inspector Ian Rutledge ist ein interessanter Charakter. Er hat in Frankreich während des Ersten Weltkrieges gekämpft und kehrte mit einer »Schützengrabenneurose« zurück. Heute würde man wohl eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren. Sein ständiger Begleiter ist Hamish, ein Soldat, den er im Krieg getötet hat und den er als »Geist« wahrnimmt und als Stimme in seinem Kopf, mit der er Zwiegespräche führt. Dies klingt nun erst einmal »verrückter«, als es sich in Wirklichkeit liest.
Seine Erlebnisse aus dem Krieg und die starken Schuldgefühle begleiten ihn Tag für Tag. Er wirkt keinesfalls »spleenig« oder gar geistesgestört. Aber er lässt niemanden zu nah an sich heran. Keiner weiß von Hamish und der Stimme in seinem Kopf; nach außen hin gibt er den soliden Polizeibeamten. Als Leser erfährt man allerdings, wie sehr ihm die Erlebnisse in Frankreich zugesetzt haben, auch wenn er stetig gegen die Symptome ankämpft und sich in die Ermittlungen vertieft. Die Beschreibungen seiner psychischen Verfassung wirken nicht aufgesetzt und halten sich im Rahmen, sodass man ihm die Rolle des klugen, reflektierenden Ermittlers abkauft.
Im Vordergrund stehen die Ermittlungen. Die Personen in dem Buch sind bis auf die kleinste Nebenfigur so gut beschrieben, dass ich sie bildlich vor mir sehen konnte. Dorfbewohner, vor allem in englischen Krimis, werden ja schon fast klischeehaft als »sonderbar« beschrieben, die der Polizei eher Steine in den Weg legen, als zu helfen. Nun dieses Klischee wird hier auch bedient, allerdings wirkt die dörfliche Atmosphäre so authentisch, dass ich mich daran nicht im geringsten gestört habe. Man darf auch nicht vergessen, dass es sich um die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg handelt. Damals schlossen die Menschen kaum ihre Haustüren ab (»Wieso sollte ich abschließen, ich wohne doch direkt gegenüber Constable Hensleys Haus«), Fragen, die heute gang und gäbe sind, waren damals nicht schicklich und wurden selten beantwortet, da es die Leute nichts anging, wer mit wem verlobt war und warum die Verlobung zerbrach.
Heutzutage würde man auf die Beantwortung der Frage beharren, die Leute aufs Polizeirevier schleppen und ihnen vielleicht sogar Behinderung einer Ermittlung vorwerfen. Doch Inspector Rutledge muss sich nach seinem Vorgesetzten im Nachbardorf richten, der sich nicht mit einer einflussreichen Familie anlegen möchte und der die Dorfbewohner nicht verärgern will.
(»Sie fahren nach den Ermittlungen zurück nach London. Ich bin hier aufgewachsen und lebe hier.«)
Doch so muss Rutledge den Spagat zwischen Informationen beschaffen und dabei keinem auf die Füße treten hinbekommen, was alles andere als einfach ist. Denn niemand hat etwas zu sagen und auf Fragen, die auch nur annähernd persönlich sind, erhält er ein: »Das geht Sie nichts an«
Inspector Rutledge wird von den Dorfbewohnern nicht gerade herzlich empfangen. In dem Gasthaus verweigert man ihm ein Zimmer, sodass er gezwungen ist, im ungemütlichen Haus des Dorfpolizisten zu wohnen, welcher im Krankenhaus um sein Überleben kämpft.
Als Rutledge hört, dass vor drei Jahren ein junges Mädchen verschwand und dass eine Frau aus dem Dorf den Constable in Verdacht hat, etwas mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun zu haben, wird es für ihn umso schwerer Zeugen zu befragen. Denn die vorherrschende Meinung ist, dass er keinen alten Dreck aufwirbeln soll. Er ist schließlich geschickt worden, um den Angriff auf den Constable aufzuklären. Einen Zusammenhang will keiner sehen. Schließlich kam das Mädchen aus gutem Hause und die Großmutter, bei der es aufgewachsen ist, hätte schon genug Leid gehabt. Im Laufe seiner Ermittlungen stößt ihm mehr Feindseligkeit entgegen. Und nicht nur dass. Irgendjemand macht Jagd auf ihn, schon, bevor er den Fall angenommen hatte. Rutledge kann nur vermuten, dass es irgendetwas mit dem Krieg zu tun haben muss. Und es ist persönlich. Denn der Unbekannte übermittelt ihm anhand bestimmter Patronenhülsen Botschaften. Rutledge kann sich keinen Reim darauf machen, doch die Gefahr wird immer größer. Als Leser war ich sehr gespannt, was es mit den Patronenhülsen auf sich hat. Die Gefahr, in der Rutledge schwebt, anfänglich subtil eingebracht, nimmt kurzerhand eine spannende Wendung und verleiht der Geschichte die richtige Würze. Ich konnte das Buch ab der zweiten Seite kaum aus der Hand legen und hoffte gleichzeitig, dass die Auflösung nicht so an den Haaren herbeigezogen ist, wie bei manch anderem Krimi oder Thriller. Ich wurde nicht enttäuscht, auch wenn mich das Ende nicht ganz überzeugt hat.
Ich kann den Krimi auf jeden Fall empfehlen und vergebe ihm 5 von 5 Sternen, da er sehr spannend geschrieben ist und die Figuren wirklich gelungen sind. Zudem ist die historische Komponente ein definitiver Zusatzpunkt. Eines der wenigen Bücher, bei denen ich traurig war, als ich es ausgelesen hatte. Die letzten Seiten habe ich sehr dosiert gelesen, um es in die Länge zu ziehen, um länger etwas davon zu haben, auch wenn mich die Auflösung des Falles in den Fingern gekribbelt hat.

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