Leseprobe: Das Versprechen, das ich meiner Mutter gab

Prolog
Die Splitter meiner Seele sind bunt. Zumindest nach dem vierten Wodka-Cola, bei Kerzenschein im Badezimmer, wenn sich die Fragmente meines Geisteszustandes um sich selbst drehen; Leid und Verzweiflung in einem Strom scheinbar nie endender Tränen reflektiert werden und nur lahme Schatten zurück werfen. Wenn ich die Augen fest zusammen kneife, kann ich die bunten Scherben auf den Fliesen liegen sehen. Glänzende Fundstücke, die nirgendwo hineinpassen; ausgekotzter Seelenballast, der sich in das Puzzle fügen sollte. Doch die Löcher sind zu klein. Die Enden abgenutzt. Die Farbe verblasst. Zurück bleibt ein schwarz-weißer Abklatsch eines abstrakten Bildes, dessen Inhalt man nur noch erahnen kann. Ich bin schwarz-weiß. Und würde ich nicht immer wieder die bunten Splitter meiner Seele im Badezimmer betrachten, ginge ich vermutlich davon aus, dass ich niemals Farbe besessen habe.
Wenn meine nackten Knie die kalten Fliesen berühren, meine Fingerspitzen einige Zentimeter über die Flammen der Teelichter gleiten, bis die Hitze die Fingerkuppen zum Kribbeln bringt und mein Kopf in einem schiefen Winkel gegen die Tür lehnt, fühle ich mich zu Hause. Geborgen. Sicher. Und in diesen Momenten denke ich nur selten daran mich umzubringen. Ich atme den Duft der Kirschvanillekerzen ein, schließe die Augen und habe zum ersten Mal am Tag das Gefühl richtig durchatmen zu können. Das Plätschern des Wasserhahns übt eine fast hypnotische Wirkung auf mich aus; ich spüre wie sich meine Muskeln entspannen und fühle mich für den Bruchteil einer Sekunde federleicht, als wäre ich selbst einer dieser Wassertropfen, die sich aus dem Hahn quetschen und melodisch ins Becken fallen. Plopp. Plopp. Plopp. Ich habe noch immer die Augen geschlossen und kann aus dem Plätschern eine Melodie heraushören. Ich bin verrückt. Eine verrückte schwarz-weiß und vakuumgefüllte Figur in einem rahmenlosen Bild.

Seelenzwillinge

Als ich klein war, hat mir meine Mutter oft Geschichten erzählt. Viele von ihnen klangen ein wenig seltsam. Wie die der Plastikente, die jede Nacht zum Leben erwachte und durch die Straßen spazierte, um die Menschen zu erschrecken. Am liebsten mochte ich es, wenn sie mir die Geschichte von der goldenen Muschel erzählte, die an den Strand gespült wurde und sich in eine Prinzessin verwandelte.
«…stundenlang irrte die Prinzessin durch die Stadt. Sie trug ein goldgelbes Kleid und ihre langen blonden Locken hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie wusste nicht wohin, und hoffte irgendwo ein Plätzchen zu finden, an dem sie die Nacht verbringen konnte, denn es war schon dunkel geworden und ihr war kalt.»
«Ist die Prinzessin von einer bösen Hexe in eine Muschel verwandelt worden?», fragte ich mit leiser Stimme, damit mein Vater uns nicht hörte. Ich war damals acht Jahre alt und an diesem Abend hatte mir meine Mutter zum ersten Mal die Geschichte von der Muschel erzählt.
«Nein, nicht von einer bösen Hexe. Die Muschel hat das Kind der Wasserfee vor einem Hai gerettet und so hatte sie einen Wunsch frei. Und sie wünschte sich eine menschliche Gestalt zu haben. Sie wollte eine Prinzessin sein. Die Fee erfüllte ihr diesen Wunsch und als die Muschel mit der Flut an den Strand gespült wurde, verwandelte sie sich augenblicklich in eine wunderschöne Prinzessin.»
«Wie kann denn eine Muschel jemanden vor einem Hai retten?», fragte ich amüsiert und setzte mich im Bett auf. Meine Mutter strich mir über den Kopf, gab mir einen Kuss auf die Wange und stand auf. «Auch kleine Dinge können Stärke besitzen.»
Sie schlich auf Zehenspitzen zur Tür, hielt ihr Ohr an das dunkle Holz und lauschte.
«Wie geht die Geschichte weiter?», flüsterte ich.
«Das erzähl ich dir Morgen. Schlaf jetzt.» Vorsichtig öffnete sie die Tür und trat in den Flur.
Keine zwei Sekunden später schepperte etwas direkt vor meinem Zimmer. Es klang wie zerbrochenes Glas. «Verdammt! Wo ist das Essen?« An der Stimme meines Vaters merkte ich, dass er wieder betrunken war. Er sprach dann immer mehrere Oktaven höher. Meine Mutter schloss die Kinderzimmertür und ich hörte wie sie versuchte ihn zu beschwichtigen. Doch mein Vater brüllte weiter. Ich verkroch mich schließlich unter meiner Bettdecke und fragte mich, wo die Prinzessin wohl die Nacht verbracht haben mochte.

Ich war elf, als meine Mutter den Mut fand ihn rauszuwerfen. Wir saßen alle zusammen in der Küche beim Abendbrot und schwiegen uns an. Mein Vater trank sein zweites Bier und bevor er nicht beim vierten angelangt war, musste man sogar aufpassen nicht zu laut zu atmen. Ich hätte meine Mutter nur zu gerne von dem goldenen Armband erzählt, das ich nachmittags beim Juwelier im Schaufenster gesehen hatte, als ich mit meiner Freundin Nora und ihrer Mutter in der Stadt gewesen war. Doch vor dem vierten Bier war daran nicht zu denken und so aß ich schweigend mein Brot und überlegte, ob ich am nächsten Tag noch einmal in die Stadt gehen sollte, um es mir anzusehen.
«Es hat grüne Steine, die so schön glänzen», sagte ich plötzlich laut, ohne mir dessen bewusst zu sein. Mein Vater knallte seine Bierflasche so heftig auf den Tisch, dass es augenblicklich überschäumte und ihm über den rechten Handrücken lief. «Verdammt!», rief er, griff nach dem nächstbesten Gegenstand und warf eine Milchtüte nach mir, die meinen Kopf nur haarscharf verfehlte. Ich duckte mich und versuchte unter dem Tisch durch zur Tür zu krabbeln. Meine Mutter schrie, er solle mich in Ruhe lassen und daraufhin brüllte er, dass er uns beide umbringen könnte.
Mit zittrigen Knien lief ich in mein Zimmer und versteckte mich unter dem Bett. Aus der Küche war ein Scheppern und Klirren zu hören; Glas zersplitterte und mein Vater schrie plötzlich laut auf.
Ich hatte Angst um meine Mutter und überlegte, ob ich nicht zur Nachbarin flüchten sollte, damit sie die Polizei rief. Doch dann fiel auf einmal krachend die Haustür ins Schloss und kurz darauf kam meine Mutter ins Zimmer und sagte, dass mein Vater weg gegangen war.
Er kam nicht wieder. Später erfuhr ich, dass er wegen einer Kneipenschlägerei fest genommen worden war. Meine Mutter ließ die Schlösser auswechseln und kurz darauf zogen wir um.
Wir bezogen eine gemütlich kleine Wohnung am Stadtrand. Von meinem Kinderzimmerfenster hatte ich Blick auf einen See, der im Winter zum Schlittschuhlaufen genutzt wurde. Es war ungewohnt ruhig in der neuen Wohnung. Erst nach Wochen wurde mir bewusst, dass ich beim Essen nach Belieben reden konnte, ohne Angst haben zu müssen. Doch ich tat es nicht. Es hatte sich viel verändert und doch war fast alles gleich geblieben.
Vielleicht war die Ruhe der Grund, weshalb meine Mutter schließlich depressiv wurde. Jeden Tag nach der Schule fand ich sie weinend in ihrem Schlafzimmer vor. Mit rot verquollenen Augen und einem Taschentuch vor der Nase winkte sie mir zaghaft zu und fragte wie die Schule war. Doch die Antworten hörte sie nie. Sie gingen in ihrem Schluchzen unter und so lief ich nach der Schule direkt in mein Kinderzimmer und machte Hausaufgaben. Abends kam sie in mein Zimmer, entschuldigte sich, gab mir einen Kuss auf die Wange und erzählte mir eine Geschichte. Doch ihre Geschichten waren alle traurig und hatten kein Happy-End. Ich bat sie darum die Geschichte von der Muschel noch einmal zu erzählen. Doch sie gab vor, sie vergessen zu haben. Ich bezweifelte das, aber sagte nichts. Vielleicht war ihr nicht nach Geschichten mit glücklichen Enden. Obwohl sie diese wohl am meisten gebraucht hätte.

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