Im Goldfischglas

Hier poste ich mal den Anfang von etwas, von dem ich noch nicht genau weiß, was es wird. Vielleicht eine Kurzgeschichte, oder eine Novelle. Der Anfang ist jedenfalls gemacht.

Im Goldfischglas

Ich bin vermutlich der einzige Mensch, der in einem Goldfischglas lebt. Es ist echt, dieses Glas. Schwer und dick, und wenn die Sonne darauf strahlt, tanzen kleine Staubkörner wie Schneeflocken vor einem Fenster herum. Dann sitze ich in meinem Glas, auf einer Wolldecke, die ich immerzu bei mir habe, weil mir immerzu kalt ist, und ich schaue den Schneeflocken zu, wie sie vor meinen Augen herumwirbeln und langsam zu Boden fallen. Manchmal würde ich gerne ausbrechen, aus diesem Glas und einen Schneemann bauen. Doch dann würde ich merken, dass es kein wirklicher Schnee ist. Natürlich sind es es keine wirklichen Schneeflocken. Aber mein Glas ist auch kein wirkliches Goldfischglas. Meine Mutter hat mir einen Tee ans Bett gebracht. Sie ist auf der anderen Seite des Glases, wodurch ihr Gesicht merkwürdig verzerrt wirkt. Der Tee dampft, als ich ihn mit zittrigen Händen entgegen nehme. Ich halte meine Nase ganz dicht an die Tasse, doch ich rieche nichts. Kraftvoll versuche ich den Duft der rötlich-schimmernden Flüssigkeit einzusaugen, doch er hat sich irgendwie durch das Glas gestohlen und so sehe ich, wie kleine silbrige Fäden das Glas von außen umhüllen. Es sieht beinahe hübsch aus. Wie eine Weihnachtsdekoration. Der Geruch hat sich verflüchtigt. Wie alles andere. Meine Mutter spricht mit mir, sie bewegt ihre Lippen, verzieht spöttisch den Mund, hebt beide Augenbrauen und spricht weiter, doch ich höre ihre Stimme nicht, seit ich in das Glas geflüchtet bin. Ich möchte sie auch nicht hören. Weder ihre Stimme, noch die, von jemand anderem. Stimmen führen unweigerlich zu Worten und diese verletzen. Irgendwann geht sie, und ich lasse mich zurück ins Kissen fallen, schließe die Augen und wünsche mich an einen anderen Ort. Überall, nur nicht hier. Wo es warm ist. Wo ich nicht friere. Wo die Menschen nette Dinge sagen. Wo ich sicher bin. Wo ich keine Angst haben muss. Wo ich ich sein kann. Wer auch immer das sein mag. Eine Mischung aus Alice im Wunderland und Dorothy aus der Zauberer von Oz vermutlich.

(c) Arwyn Yale.

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