Leseprobe

 
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Hassocks, West Sussex, England
12. Juli 2012
Die Rufe hallten durch das Haus und prallten von den Wänden ab, während die uniformierten Beamten die Treppen hinaufliefen. Die Luft war drückend. Draußen waren fast dreißig Grad im Schatten; die Hitze hatte sich bereits durch das geöffnete Küchenfenster ihren Weg ins Haus gebahnt.
Constable Lewis wischte sich mit der flachen Hand die Schweißperlen von der Stirn. Sein Hemd war durchgeschwitzt und seine Hose klebte wie Kaugummi an ihm, dank der defekten Klimaanlage im Streifenwagen. Offiziell endete seine Schicht in einer Stunde, doch er ahnte, dass die kalte Dusche und das kühle Bier in weite Ferne rückten, sollte sich der Notruf des Mädchens als echt herausstellen.
Lewis durchschritt den Flur des Obergeschosses und lugte in das erste Zimmer auf der rechten Seite, während seine Kollegin den danebenliegenden Raum betrat. »Leer«, rief sie unmittelbar darauf.
»Hier auch.« Er schloss die Tür des Schlafzimmers und bedeutete seiner Kollegin mit einem Nicken des Kopfes das Bad unter die Lupe zu nehmen. Es lag am Ende des Flurs und war der einzig verbleibende Raum. Constable Emma Finch drückte den Türgriff herunter, doch das Badezimmer war abgeschlossen. Sie klopfte. »Polizei! Aufmachen!«
Lewis trat näher und legte sein Ohr an die Tür. »Da drin weint jemand«, sagte er leise.
»Machen Sie auf! Hier ist die Polizei!«, rief er und donnerte mit der Faust gegen die Tür.
»Geh zurück, ich trete sie ein.«
Seine Kollegin biss sich auf die Lippen und lehnte sich gegen die Wand, während Lewis drei Schritte zurückging und mit Anlauf die Tür eintrat.
Das Erste, was er sah, war das Mädchen vor der Badewanne. Ihr blondes Haar und das gelbe Sommerkleid waren von Blut durchtränkt. Ihre Augen geschlossen. Und wäre da nicht die klaffende Wunde am Hals gewesen, so hätte sie durchaus nur schlafen können. Er schätzte sie auf fünfzehn oder sechzehn. Er wusste sofort, dass sie tot war. Die Kehle war sauber durchschnitten. Sie hatte zu viel Blut verloren.
Erst dann fiel sein Blick auf das andere Mädchen, das im Schneidersitz neben der Toten saß. Sie war vielleicht ein oder zwei Jahre älter als die Tote, und ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur das Kinn war ein klein wenig runder. Ihre blonden Locken waren an den Spitzen blutverklebt. Ein großes Küchenmesser lag auf ihrem Schoss, von der Klinge tropfte Blut auf die weißen Fliesen.
Ihre Augen waren glasig, das Gesicht gespenstisch weiß, und hätten ihre Lippen nicht unaufhörlich gezittert, so hätte er sie ebenfalls für tot halten können. Sie trug einen viel zu warmen Pullover für diese Jahreszeit, der genauso blutdurchtränkt war, wie ihre Hose. Um sie herum lagen Scherben, in denen sich das grelle Licht der Neonröhre brach.
»Oh mein Gott!«, stieß Finch aus, als sie neben Lewis trat.
»Meine Schwester ist tot. Ich habe meine
Schwester getötet. Ich sollte mich auch töten.«
Der Rest des Notrufes war in lauten Schluchzern untergegangen. Lewis hatte bis zu dem Moment, als er die Badezimmertür eingetreten hatte, an einen üblen Scherz geglaubt. Er war erst seit einem halben Jahr bei der Polizei und hatte noch nie eine Tote gesehen, geschweige denn ein totes Kind.
Finch trat vor, kniete sich neben das Mädchen und griff vorsichtig nach dem Messer. Keine Reaktion. Sie zog es vom Schoss der jungen Frau und reichte es an Lewis weiter, der es mit spitzen Fingern entgegennahm und in eine Plastiktüte steckte.
Dann tastete sie bei der leblosen Schwester nach einem Puls und schüttelte den Kopf, als sie keinen fand.
Das Mädchen im Schneidersitz saß da wie eine Statue. Ihr Blick ging ins Leere.
»Wie ist dein Name?«, fragte Finch.
Sie reagierte nicht. Starrte nur stumpfsinnig vor sich hin.
»Wie heißt du? Was ist hier passiert?«
»Joss«, flüsterte das Mädchen.
Finch versuchte ihren Blick einzufangen, doch vergebens. Das Mädchen schien in ihrer eigenen Welt zu sein.
Gemeinsam mit Lewis zogen sie sie hoch, doch plötzlich begann sie zu schreien und ruderte mit den Armen, wobei sie Finch mit dem Handrücken am Kinn traf.
»Ich kann sie nicht alleine lassen. Ich muss bei ihr bleiben!«
Lewis packte sie und drehte ihre Hände auf den Rücken. Sie trat zwei Mal nach ihm, doch dann gab sie auf und ließ sich widerstandslos nach unten führen.
»Wieso hast du das getan?«, fragte er. »Sie war doch deine Schwester.«
Vor der Küchentür blieb sie stehen und blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Was getan?«
»Sie umgebracht. Wieso hast du deine Schwester umgebracht?«
»Sie hat sich selbst umgebracht«, flüsterte Joss und sank zu Boden. Lewis kniete sich zu ihr.
»Was?«
»Sie musste es tun, wissen Sie? Und ich auch. Wir haben einen Fehler begangen. Einen schrecklichen Fehler. Ich … konnte es bloß nicht tun. Dabei war es doch meine Idee.« Mit der rechten Hand schob sie ihre Haare in den Nacken und drehte den Hals zu ihm, sodass die Wunde sichtbar wurde. Eine zarte rote Linie zog sich vom Ohr etwa fünf Zentimeter den Hals entlang. Der Schnitt war nicht tief, doch durch die Kopfdrehung sickerte erneut Blut hervor und tropfte über ihren Kragen.
»Scheiße!«, stieß Lewis aus und rief nach Finch, die mit der Dienststelle über Funk sprach und Verstärkung sowie den Rechtsmediziner und die Spurensicherung anforderte.

1. Kapitel
Brighton, England
1. August 2013

Er hatte sich kaum verändert, trug dieselbe blaue Kappe wie früher und auch sein Gang war gleich geblieben. Leicht humpelnd, als hätte er sich den Knöchel verstaucht. Seine Haare waren mittlerweile von grauen Strähnen durchzogen, sein Teint schmutziggrau. Sie hätte ihn unter Hunderten wiedererkannt. Nach all den Jahren. Vielleicht trotz all der Jahre.
Galle kam ihr hoch, als er sich über den Kofferraum beugte, hustend und röchelnd, und eine Einkaufstüte hervor holte. Sie meinte, eine Weinflasche zu erkennen.
Vorsichtig griff sie nach einem Zweig, dessen Blätter an ihrer Stirn kitzelten, und schob ihn ein Stück beiseite. Mit ihrer dunklen Kleidung würde er sie hinter dem Gebüsch unmöglich sehen können, selbst, wenn er genau in ihre Richtung blickte.
Die Vordertür ging auf und eine schmale Gestalt trat auf die Fußmatte. Das musste sie sein. Seine Frau. In der Zeitung hatte gestanden, dass sie Anna hieß. Ihre blonden Haare fielen strähnig auf ihre Schultern. Im Mundwinkel baumelte eine Zigarette.
»Wurde auch Zeit«, schrie sie, trat einen Schritt vor und nahm die Weinflasche aus der Einkaufstasche. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus zurück. Er stand einen Moment lang da, schüttelte den Kopf, setzte die Einkäufe auf dem Fußboden ab und kramte ein Päckchen Tabak aus seiner Jackentasche. Er ließ sich Zeit beim Drehen. Vermutlich hatte er es nicht eilig ins Haus zu gehen. Das kam ihr gelegen.
Joss griff sich mit der Hand in die hintere Hosentasche und holte das Messer hervor. Sie war überrascht, wie ruhig ihre Hand war. Im fahlen Licht der Straßenlaterne konnte sie den schwarzen Griff nur erahnen. Jetzt, oder nie!Sie holte tief Luft, umschloss den Griff des Messers so fest sie konnte, zog ihre Baseballkappe tief ins Gesicht und rannte los.
Er stand mit dem Rücken zu ihr, sein Blick glitt über das Nachbarsgrundstück, auf dessen Rasen ein Zu-Verkaufen-Schild stand.
Es passte einfach alles perfekt. Als hätte jemand die größten Stolpersteine für sie aus dem Weg geräumt. Niemand würde sie sehen.
Er schnippte seine Zigarette auf den Boden, klopfte sich auf die Brust und begann zu husten. Er bemerkte sie nicht, bei dem Krach, den er machte. Seine Lungen mussten schwarz vor Teer sein. Als er kurz Luft holte, rasselte sein Atem, dann hustete er erneut.
Joss blickte zum Haus. Alle Fenster waren dunkel. Vermutlich war seine Frau mit der Flasche Wein zu Bett gegangen. Ob sie ihn vermissen würde?
Er zog Rotz hoch und spuckte auf den Boden. In dem Moment stach sie zu.
Die Klinge glitt nicht wie Butter durch seine Jacke und seine Haut, wie sie es in vielen Krimis gelesen hatte. Sie brauchte Kraft, um sie durchzustoßen. Er schrie auf, seine Knie sackten ein. Sie fluchte. Die Klinge stieß auf Widerstand. Eine Rippe? Er drehte den Kopf herum, doch als sie das Messer aus ihm herauszog, sackte er stöhnend zu Boden. Im Flur des Hauses ging Licht an.
Joss begann zu rennen.

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