Nostalgie

Heute habe ich mich nach sehr langer Zeit mit meiner besten Freundin aus Schultagen getroffen.
Damals, als sich die Jugendlichen noch in Eis-Cafés statt in Coffeeshops getroffen haben, Cappuccino trinken so erwachsen wirkte und wo man unterwegs noch die guten alten Telefonzellen benutzte, weil es keine Handys gab – das alles ist 20 Jahre her und doch sind viele Erinnerungen noch so glasklar im Gedächtnis geblieben, als läge all das erst wenige Jahre zurück.
Mit ihrer kleinen Tochter haben wir einen Spaziergang durch die Innenstadt gemacht, die sich – seit ich dort weggezogen bin- sehr verändert hat.
In der Fußgängerzone reihte sich eine Baustelle an die andere. Und viele Geschäfte von früher gab es nicht mehr. Der Papierwarenladen, wo wir viele unserer Schulsachen oder auch Zeichensachen gekauft haben, steht leer. Der Bäcker, wo wir in der Schulpause immer unsere Brötchen geholt haben, ist auch weg. Auch der Feinkostladen, in dem wir vor Schulbeginn unsere Schokokuss-Brötchen gekauft haben und etwas zu naschen, ist seit Jahren nicht mehr dort. Es war damals der einzige Laden, der um sieben Uhr geöffnet hatte. Klein und eng, aber die Schokokuss-Brötchen waren lecker und gehörten zur Pause wie der Schulgong. War etwas Geld übrig, hat man sich bei den losen Süßigkeiten bedient, bzw. bedienen lassen. Für 10 Pfennige pro Stück konnte man sich seine Tüte zusammenstellen. Es war glaub ich der letzte Laden, der so etwas anbot. Ich kannte diese Art des Süßigkeiteneinkaufs noch aus meiner Kindheit. In den 90ern war das schon old school. Trotzdem gefiel es mir. Nostalgie.
Vielleicht brauchte ich schon immer etwas Vertrautes, um mich sicher zu fühlen. Mit Veränderungen komme ich grundsätzlich schlecht zurecht. Nicht, dass alle Änderungen schlecht sind. Ich bin kein Gegner des Fortschritts. Nur manchmal … manchmal da geht mir alles ein wenig zu schnell. Und Sachen, die gut waren und weiterhin gut wären, werden ausgetauscht gegen Sachen, die viel unpraktischer und komplizierter sind.
Was war denn an den mechanischen Türen in den Zugtoiletten so schlecht? Man musste einen Riegel verschieben, um abzuschließen. Und mittlerweile in den Hightech-Toiletten? Herrje, ein Kumpel von mir verzweifelte, weil die elektrische Tür immer wieder aufging. Um sie zu bedienen, musste man sich erst einmal einen längeren Text durchlesen. Wer hat die Zeit dazu, wenn man dringend muss? Und dann öffnete sich diese Tür ständig wieder, sodass er verzweifelte, und beschloss bis zum nächsten Halt durchzuhalten. Ich traute mich erst gar nicht auf die Toilette, aus Angst mit dem Ding ebenso wenig zurechtzukommen.
In der Innenstadt jedenfalls, in der ich einen Großteil meiner Jugend verbracht habe, sind nur wenige Geschäfte von früher geblieben. Erschrocken war ich über den hohen Leerstand.
Viele Plätze, an denen wir früher »abhingen« gibt es schlichtweg nicht mehr.
Unsere ehemalige Schule ist auch kaum wiederzuerkennen. Nur das Hauptgebäude und der neuere Anbau stehen noch dort. Ein riesiger Anbau ist hinzugekommen. Die Raucherecke ist nicht mehr dort. Damals durften erst Schüler ab der 10. Klasse in die Raucherecke, die hinter dem Hauptgebäude lag. Aber wir jüngeren haben uns oft dahin geschlichen und sind mehr als einmal von einem Lehrer erwischt worden. Die strengeren von ihnen haben eine Rüge ins Klassenbuch eingetragen, die lockeren haben uns nur weggescheucht.
Damals galt es noch als »cool«, zu rauchen. Und so haben meine Freundin und ich auch irgendwann angefangen. Es schmeckte uns nicht einmal, aber es ging auch nicht ums Rauchen. Es ging darum, etwas Verbotenes zu tun. Es hat Spaß gemacht, sich mit den anderen Mädels ein gutes Versteck zu suchen. Manchmal in der Raucherecke, manchmal hinter einem Busch am Gehweg, manchmal auf der Schultoilette. Dabei hat meist einer Schmiere gestanden. Wir haben gelästert, getuschelt, gelacht und geraucht. Aber es ging eigentlich ums gemeinsame rebellieren.
Ich rauche übrigens seit über 10 Jahren nicht mehr.
An manchen Ecken ist die Zeit stehen geblieben. Aber einige Ecken hat die Zeit nichts Gutes getan. Risse im Mauerwerk, kaputte Glasscheiben, halb vergammelte Häuser, die zum Abriss bereitstehen.
Vielleicht gab es diese Risse und den Verfall in einigen Straßen schon früher, und er ist mir nicht aufgefallen oder hat mich nicht gestört. Aber der Weg vom Bahnhof zur Schule war früher recht belebt gewesen. Heute sind wir dort lang gegangen und es standen lauter leere, abbruchreife Häuser dort. Einige Stellen sahen so verwaist aus, als wäre dort seit Jahrzehnten keiner mehr gewesen.
Ich habe viele schlechte Erinnerungen an meine Jugend. Aber auch einige Gute. Die mit meiner Freundin gehören definitiv zu den Guten. Die meisten davon zumindest. Und manchmal würde ich gerne die alten Orte aufsuchen, an die es mich als Teenie verschlagen hat. Aber diese Orte gibt es nicht mehr, oder sie haben sich so verändert, dass sie kaum wiederzuerkennen sind.
Früher konnte ich es kaum erwarten, dieser Kleinstadt zu entkommen. Und nun, mit einigen Jahren Abstand, bin ich zwar immer noch froh, von dort weggezogen zu sein, aber dennoch finde ich es schade, dass sich so viel verändert hat. Vielleicht hätte es mich auch traurig gemacht, mich in die Raucherecke zu setzen und die Schultage Revue passieren zu lassen. Vielleicht hätte es mich deprimiert, mich auf die Stufen zum Rathaus zu setzen, wo ich als sechszehnjährige so viele Stunden verbracht habe, alleine, mit einer Flasche Apfelkorn und einer Schachtel Schlaftabletten in der Hand, grübelnd und verzweifelnd. Vielleicht ist es schon gut so, dass sich die Stadt weiterentwickelt hat, Gebäude abgerissen wurden, denn ich selbst habe ich mich ja auch weiterentwickelt und verändert.

 

 

 

 

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