Der Tag, an dem die Hoffnung im Gulli verschwand

Schwer atmend ließ sie sich auf die Couch fallen, deren Stoff so verblasst war, wie ihre Erinnerungen an die Zeiten, die sie jeden Morgen beim Aufstehen vermisste.
Es war, als ob jemand mit einem Radiergummi in ihrem Gehirn Stück für Stück ihr Leben ausradierte. Als ihr Blick auf eine aufgeschlagene Zeitschrift fiel, in der ein Bild eines Waldes abgedruckt war, fragte sie sich, wie sich Moos an ihren nackten Füßen anfühlen mochte. Wie sich im Wind raschelnde Blätter anhörten. Wie feuchter Waldboden roch. Wie sich die Rinde eines Baumes anfühlte. Als Kind hatte sie viele Spaziergänge im Wald unternommen, zusammen mit ihrem Hund Bob, der irgendwann einfach weggelaufen war. Verschwunden. Zurückgelassen hatte er nur eine Leere in ihrem Herzen und seine Leine.
Sie fragte sich, wann die Leere verschwunden war. Denn irgendwann war sie das und sie war wieder ein fröhliches Kind gewesen, das lachend und barfuß tanzend im Wald Pirouetten gedreht hatte. Mit einem anderen Hund, der nie einen Namen bekommen hatte.
Vielleicht heilten Kinderseelen einfach schneller. Vielleicht waren Hunde für Kinder austauschbar.
Mit einem Kloß im Hals, griff sie nach der Zeitschrift und versuchte sich jedes Detail des Bildes einzuprägen. Doch die Bäume wurden unscharf, die Blätter verschwammen vor ihren Augen, lösten sich in tausend kleine Pixel auf. Seufzend warf sie die Zeitschrift in die Ecke, hinter den Schirmständer, der schon lange keine Funktion mehr hatte und sie nur an die Tage im Regen erinnerte, als sie die warmen Tropfen auf ihrer Haut spüren konnte und der Duft von Sommergewittern ein wohliges Gefühl in ihrer Bauchgegend verursachte.
Wenn sie heutzutage in den Wald ging, dann lag ein Schleier über ihren Augen, den sie – egal wie sehr sie sich bemühte– nicht von ihrem Gesicht zerren konnte. Er legte sich über ihre Nase und Ohren, sogar über ihre Hände. Und wenn sie einen Pilz pflückte, an dem noch feuchte Erde klebte, und ihn so dicht unter ihre Nase hielt, dass kein Staubkorn mehr dazwischen passte, dann konnte sie noch so kräftig seinen Geruch einsaugen – sie roch nichts. Und wenn sie ihre Hand ausstreckte und eine hundert Jahre alte Kastanie berührte, dann spürte sie weder die morsche Rinde an ihren Fingerkuppen, noch das raue Muster, wenn sie mit der flachen Hand den Stamm entlangfuhr. Es war, als trüge sie Handschuhe. Das Rascheln der Vögel im Unterholz, das Knarren der Äste bei kräftigem Wind, alles klang dumpf in ihren Ohren.
Erst hatte sie gedacht, es läge an dem wenigen Schlaf. An der Verantwortung, die mit dem neuen Job einherging. Doch als sie ihren Job verlor und mehr schlafen konnte, hatte sich nichts daran geändert. Irgendwann suchte sie einen Arzt auf, weil sie spürte, dass sich etwas in ihr so sehr verändert hatte, das sie etwas verloren hatte, was sie alleine nicht mehr finden würde.
Er hatte ihr Pillen verschrieben, die sie noch müder machten und von denen sie sich übergeben musste. Danach hatte er ihr andere verschrieben, von denen sie dann kaum schlafen konnte und ständig Kopfschmerzen bekam. Erst das dritte Mittel hatte so wenig Nebenwirkungen, dass sie es eine längere Zeit einnehmen konnte. Nach vier bis sechs Wochen sollte die Wirkung einsetzen. Sie hatte sich den Termin im Kalender notiert und war nach genau sechs Wochen in den Wald gegangen. Doch der Schleier war immer noch da. Auch am Tag darauf und in der folgenden Woche. Das ganze halbe Jahr lang, in denen sie jeden Tag diese kleine Pille morgens und abends genommen hatte.
Vielleicht sollte sie mit jemandem reden, schlug ihre Mutter schließlich vor. Mit einem, der das beruflich macht. Sich die Sorgen der Menschen anhört. Sie hatte offensichtlich das Wort Psychologe vermieden. Als ob es sie schockieren könnte. Als ob irgendetwas sie schockieren könnte. Sie, die zu keinerlei Emotion mehr fähig war. Einmal hatte ein Mann auf offener Straße sie beschimpft. Einfach so. Er hatte eine Flut an Schimpfwörtern auf sie losgelassen, in der sie liebend gerne ertrunken wäre. Ihre Freundin hatte sie ganz entgeistert angestarrt und gefragt, ob sie das nicht wütend machte. Immerhin war der Mann grundlos und ohne Anlass auf sie losgegangen.
Zwar hatte sie ihm daraufhin »Blöder Arsch« hinterher gerufen, doch die Buchstaben waren nur eine leere Hülle gewesen. Sie waren nicht gefüllt mit Wut, Empörung, Angst oder Entsetzen. Als sie alleine zu Hause war, hatte sie versucht wütend auf den Mann zu sein. Hatte die Fäuste geballt und laut geknurrt, denn auf auf einmal war da dieser Gedanke in ihrem Kopf, der sich durch sämtliche Ecken ihres Hirns zu fressen schien. Der Gedanke, dass sie sich auflöste, wenn sie nichts mehr fühlte. Wer war sie denn, ohne Emotionen? War sie noch menschlich? War sie nicht vielmehr überflüssig?
Vieles war ihr gleichgültig. Und manchmal ärgerte sie das, was sie wiederum an ihrer Gleichgültigkeit zweifeln ließ. Vielleicht war sie einfach nur verrückt. Oder faul. Oder dumm. Oder zu nachdenklich. Oder alles zusammen.
»Geh doch einfach raus, und hab mal ein bisschen Spaß«, sagte ihre Freundin oft. Einfach raus gehen. Einfach Spaß haben. Es hörte sich so einfach an und in dem Moment, begann sie dieses Wort zu hassen, das ihr das Gefühl gab, eine Versagerin zu sein.
Wie hatte man Spaß, wenn man sich nicht mehr erinnern konnte, wie es sich anfühlte? Wenn dieses Gefühl ausradiert worden war. Würde man es überhaupt wiedererkennen, wenn es zurückkommen sollte? Hatte man dann noch Vergleichsmöglichkeiten? Oder kehrten ausradierte Gefühle nie mehr an ihren Platz zurück. Vielleicht hafteten sie einfach nicht mehr, fielen herunter, wie ein Post-it, dessen Klebeseite nass geworden war.
»Ach was, redest du denn da?! Man hat einfach Spaß. Punkt. Das merkt dann doch.« Sie konnte die Wut ihrer Freundin hören, die hinter jedem Wort steckte, aber es löste nichts in ihr aus. Es überraschte sie nicht einmal, als diese Freundin ihr sagte, dass sie das nicht mehr ertrug. Diese ständigen seltsamen Fragen und trübsinnigen Gedanken. Sie hätte sich einsam fühlen müssen, doch sie tat es nicht, denn die Einsamkeit war schon so lange ihr Begleiter, das sie fast zu ihrer zweiten Haut geworden war.
Vielleicht war sie schon immer einsam gewesen und hatte es vorher einfach nicht gemerkt. Vielleicht war sie immer unglücklich und unzufrieden gewesen. Aber eins wusste sie mit Sicherheit. Früher hatte sie weniger Zweifel gehabt. Vielleicht lag es daran. Vielleicht musste sie einfach damit aufhören, alles zu hinterfragen.
»Ich sitze in einem Karussell, und es dreht sich immer weiter, ohne dass ich aussteigen kann«, erklärte sie dem Psychologen am ersten Tag.
»Wieso können Sie nicht aussteigen?«
»Na, es hält nicht an.«
»Es hält sicher an, wenn Sie das wollen. Kein Karussell der Welt fährt ewig weiter.«
Sie spürte wieder diesen Kloß im Hals, der sich immer öfter, immer mehr Platz nahm, ihr die Luft zum Atmen raubte. Sie räusperte sich.
»Ich weiß nicht, wie ich es stoppen kann. Deswegen bin ich hier.« Krampfhaft schluckte sie ihre Tränen hinunter. Sie mochte nicht noch mehr Schwäche zeigen. Tränen machen angreifbar. Wenn man in Gegenwart der falschen Leute weint, dann können sie daraus ein Schwert formen und es einen ins Herz stoßen. Sie wusste nicht, wie viele Löcher ihres noch verkraften würde.
Er stellte weitere Fragen. Einige ergaben weniger Sinn als andere, dazu kritzelte er zwei DIN-A 4 Blätter voll, auf seinem Klemmbrett. Am Ende der Stunde, nahm er die Lesebrille ab und sah sie einen Moment an, als sähe er sie zum ersten Mal.
»Ich denke, Sie leiden an einer mittelgradigen Depression. Ich würde Ihnen auf jeden Fall zu einer Therapie und zusätzlich zu einer entsprechenden Medikation raten.«
Sie nickte einfach nur, sie besaß nicht die Kraft, ihm zu erklären, wie viele Medikamente sie bereits ausprobiert hatte.
»Ich habe im Moment eine Wartezeit von vier Monaten. Das hört sich im ersten Moment nach einer langen Zeitspanne an, aber vielleicht schlagen die Medikamente ja bereits nach einigen Wochen an, sodass es Ihnen schon ein wenig besser geht, wenn wir mit der Therapie beginnen.«
Sie starrte ihn an.
»Haben Sie einen Psychiater?«
Sie nickte. »Ich habe bereits alle möglichen Antidepressiva versucht. Ich möchte keine mehr nehmen.«
Er runzelte die Stirn, nahm wieder das Klemmbrett in die Hand und machte einen Vermerk.
»Das ist natürlich Ihre Entscheidung. Allerdings stelle ich mir die Frage, inwieweit sich Ihre momentane Instabilität auf die Mitarbeit auswirkt. Sehen Sie, ich habe mir vor lange Zeit eine simple Regel auferlegt, an die ich mich strikt halte. Ich behandle nur Menschen, die auch wirklich Hilfe annehmen wollen.«
»Ich wäre doch sonst nicht hergekommen.«
»Nun ja, nicht wenige, die meine Praxis aufsuchen, werden von Verwandten oder Arbeitgebern dazu gedrängt.«
»Das ist bei mir aber nicht der Fall.« Sie spürte, wie ihr die Kontrolle zu entgleiten drohte. Ihre Beine und Hände begannen zu zittern, ihr Herzschlag beschleunigte sich und die Atmung wurde flacher.
»Haben Sie schon einmal über einen Klinikaufenthalt nachgedacht?«
»Was? Nein.«
»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob vier Monate nicht einfach zu lang für Sie sind. Zumal, wenn Sie keine Medikamente nehmen wollen, die Ihnen helfen würden, die Wartezeit besser zu überbrücken. Ich sehe einfach die Gefahr, dass sich ihr Zustand ohne Medikamente innerhalb der vier Monate so verschlechtert, dass keine Basis mehr für eine ambulante Therapie gegeben ist. Ein Gespräch in der Woche kann dann vermutlich nicht mehr viel helfen.«
»Aber die Medikamente haben nichts gebracht. Gar nichts. Ich habe mich kein Stück dadurch besser gefühlt. Das erste hatte so starke Nebenwirkungen, dass ich es nach drei Tagen absetzen musste. Beim zweiten war es ähnlich. Und das nächste hat einfach nicht geholfen. Ich habe mich nicht anders dadurch gefühlt.«
Er lächelte. »Nun, die ersten beiden haben Sie nicht lange genug genommen, um eine Wirkung erzielt haben zu können. Ich weiß, dass die Nebenwirkungen besonders in den ersten zwei Wochen verstärkt auftreten können, aber manchmal muss man eben in den sauren Apfel beißen.«
»Die Nebenwirkungen waren aber so stark, dass es nicht auch nur einen Tag länger aushaltbar war.«
Er hob beide Brauen, sagte aber nichts, sondern stand auf. »Ich denke, wir telefonieren in einer Woche miteinander. In der Zeit können Sie sich ja Gedanken darüber machen, ob sie die vier Monate warten wollen, oder doch lieber in eine Klinik gehen. Allerdings gibt es auch bei denen längeren Wartezeiten.« Er ging zur Tür und öffnete diese und die Tür verschluckte sie und spuckte sie auf der kalten Straße wieder aus, zusammen mit der Hoffnung, die sie bei sich getragen hatte, und die nun langsam von ihren Schultern fiel. Wie ein seidenes Tuch glitt es ihr einfach durch die Fingerspitzen, als sie danach griff, wurde vom Wind davon getragen und rutschte zwischen den Gittern eines Gullis in die Kanalisation. Mit zusammen gepressten Lippen stand sie vor dem Gulli und starrte zwischen die Gitterstäbe, suchte die Schwärze nach etwas ab, von dem sie ahnte, dass sie es so schnell nicht zurückbekommen würde.
© Arwyn Yale

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