Eine Zeitreise und ein Kleinod in unserer Stadt

Eben habe ich eine Zeitreise gemacht. Genau, richtig gelesen. Ich brauchte Schrauben und lief mit meiner Aufbauanleitung eines Schrankes zum Eisenwarengeschäft um die Ecke, das ich vorher noch nie betreten hatte. Es ist eines der ältesten Betriebe Elmshorns, immer noch in Familienbesitz und das mittlerweile in der 5. Generation.
Seit 1870 steht das Geschäft dort, 1970 wurde das Gebäude abgerissen und ein Jahr später durch das heutige ersetzt.
Ich hatte das Geschäft gar nicht auf dem Zettel, obwohl es direkt um die Ecke bei mir liegt. Wir kaufen immer im Baumarkt, wenn wir eh unseren Wochenendeinkauf machen und so war mir der Name des Geschäfts zwar ein Begriff, aber mehr auch nicht.
Die Baumärkte sind allerdings weit weg und ohne Auto schlecht zu erreichen, sodass ich heute nun zu besagtem alten Familienbetrieb ging.
Es sah aus wie die Läden aus meiner Kindheit, in denen meinen Tante mich immer mitgeschlappt hatte, wenn zu Hause etwas kaputt war, und in denen ich mich furchtbar gelangweilt hatte. Die Art Laden, wo man noch richtig bedient wurde, keine nervigen Lautsprecherdurchsagen oder Musik von irgendwoher dröhnen. Wo einem keine gehetzten Mitarbeiter in ellenlangen Gängen entgegenlaufen und sich für eine klitzekleine Frage nur schwerlich einfangen lassen, wenn man kein Lasso dabei hat, oder lauthals brüllt. »WO FINDE ICH DENN SÄGEBLÄTTER?«
»DRITTER GANG RECHTS NACH DEN LAMINATBÖDEN, DANN ÜBER DEN ZWEITEN GANG —-« Der Rest geht unter in einer Lautsprecherdurchsage, die der Mitarbeiter dazu nutzt sich in Luft aufzulösen. Vermutlich ist das Teil der Ausbildung und ein großes Betriebsgeheimnis, alles andere als einfach zu lernen wohl auch, denn als ich es vorhin versuchte, klappte es nicht einmal im Ansatz. Aber nun gut, das ist ein anderes Thema …
Ich sah mich vorsichtig um, als ich den Laden betrat, steuerte dann zögerlich auf einen Verkaufstresen zu und warf die Emanzipation der Frauen erst einmal um dreißig Jahre zurück, indem ich dem Verkäufer die Anleitung unter die Nase hielt, auf die abgebildeten Holzschrauben zeigte und ihm feierlich mitteilte, dass ich Nägel bräuchte. Woraufhin er anmerkte, dass es sich um Schrauben handelte und mich ins Untergeschoss schickte.
Mit hochrotem Kopf lief ich die Treppe runter. Gleich links war ein langer Tresen, dahinter beriet ein kompetent wirkender Mann im Blaumann einen ältere Herren. Hinter dem Tresen reihten sich zahlreiche Regale. Es war keine Selbstbedienung. Sofort fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt und grinste innerlich vor mich hin. Manchmal gibt es tatsächlich noch solche Betriebe, in denen die Uhrzeiger sich nicht mitgedreht haben, die Zeit stehen geblieben ist. Viele rümpfen darüber ja die Nase, denen kann Fortschritt und Veränderung nicht schnell genug vonstatten gehen. Mir hingegen verändert sich die Welt zu schnell und ich halte mich dann gerne etwas länger an etwas Gewohntem fest, was die meisten wohl als antiquiert betrachten würden.
Erinnert Ihr euch noch an die kleinen Krämerläden, in denen man mit leuchtenden Augen und seinen fünf oder zehn Groschen gegangen ist, und der Verkäuferin gesagt hat, wie viele man von den weißen Mäusen, wie viele von den Zuckerbonbons haben möchte? Die wurden dann in eine kleine Papiertüte eingepackt, mit denen man dann glücklich und zufrieden hinauslief. Diese kleinen Lädchen gibt es schon lange nicht mehr. Heute kauft man gleich ein ganzes Päckchen Haribo oder Katjes.
Früher war gewiss nicht alles besser. Nein, nicht einmal annähernd. Aber manche Dinge müssten sich meiner Meinung nach nicht so schnell verändern. An manchen Dingen kann man festhalten.

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