Still

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Still

Sie könne die Stille ja auch mal umarmen, hatte er gesagt, sie mit hochgezogenen Brauen angeschaut, als sähe er sie zum ersten Mal in seinem Leben und war gegangen. Hatte sie in der Stille zurückgelassen, hatte ihr nicht einmal das Ticken der Uhr da gelassen oder seine Schritte auf dem Parkett. Sie wartete auf das Zuknallen der Tür, doch alles was erfolgte, war ein eisiger Lufthauch. Sie fragte sich, ob er überhaupt da gewesen war. Er konnte das, sich in Luft auflösen. Zweifel streuen. Fragen zurücklassen, die wie ein Schwarm lästiger Fliegen umher schwirrten, um ihren Kopf kreisten und sich dann wie Staubpartikel im Zimmer verteilten, wo sie irgendwann eingeatmet wurden, bis man sie wieder ausnieste und alles von vorn begann.
Sie blickte zur Tapete, die mit Ornamenten verziert war und an einen prächtigen Ballsaal erinnerte. Damals, als die Leute diese seltsamen Perrücken trugen und mit Fächern vor ihrem Gesicht herum wedelten. Sie hatte irgendwo ein Kostüm im Schrank, das sie selbst genäht hatte, damals, als sie noch auf Partys gegangen war. Als die Stille sich nicht wie ein rauschendes Meer in ihr ausgebreitet hatte, das alle hören konnten, außer sie selbst. Tanzende Schaumkronen, die in der Dunkelheit leuchteten und verblassten, sowie man das Wasser berührte.
Zärtlich strich sie über den samtweichen Wandbelag, fragte sich, wie Farben schmeckten, wenn es nur noch Grautöne gab.
Die Stille umarmen. Sie lachte auf, eine Träne stahl sich aus ihren Augenwinkeln und verharrte dann auf halber Strecke, als würde sie sich weigern, diesen Gedanken eine Stimme zu verleihen. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur das Weinen verlernt.
Mit der Faust schlug sie auf die Wand ein, hörte ihre Knöchel knacken, doch selbst die vielen Kraftausdrücke, die wie Gewehrsalven aus ihrem Mund schossen, vermochten die Stille nicht zu durchbrechen. Sie hatte keine Stimme mehr. Vielleicht hatte sie nie eine gehabt. Vielleicht war ihre auch einfach nur zu leise. Oder die Leuten hörten sie einfach nicht, weil sie nichts zu sagen hatte. Die Stille umarmen. Er verstand nicht, was das für sie bedeutete. Die Stille. Dieses Dasein, irgendwo sein und wie lästige Rauchschwaden durch den Raum zu ziehen, dieses Naserümpfen, dieses mit der Hand weggewischt werden, diese abschätzigen Blicke, dieses Überhörtwerden. Dieses in einem Raum voller Leute sein, sich nach allen Seiten umzuschauen, um ein bekanntes Gesicht zu sehen, ein freundliches, ein nettes Wort zu hören, eine nette Geste zu erhaschen, bis sich alles um einen herum dreht und man fällt, ins scheinbar Bodenlose, in etwas Dunkles, in die Stille hinein, die einen wie mit Tentakeln umfasst und an sich presst, bis einem die Luft wegbleibt, der Atem ausgeht und die Stimme versagt. Aber dazu brauchte es diese Tentakeln gar nicht. Denn man hat sie ja vorher schon nicht gehört.
»Kommst du endlich? Die warten.« Als ob er sich aus dem Nichts materialisiert hatte, stand er vor ihr. In seinem Smoking, den er mit diesem überheblichem Grinsen gekauft haben musste. Vielleicht gab es das als Gratisbeilage. Zu ihrem Abendkleid hatte sie nur das mitleidige Lächeln der Verkäuferin bekommen.
»Du siehst gut aus«, sagte er beim Hinausgehen, während er ihren Arm umfasste und tat, als gehörten sie zusammen. »Eins noch.« Er blieb stehen, berührte mit seiner kalten Hand ihr Kinn und zog ihr Gesicht näher zu sich heran. »Sei diesen Abend einfach still.«
Sie biss sich auf die Zunge, bis sie Blut schmeckte. Einen Kurzen Moment überlegte sie, ob sie es auf seinen neuen Smoking spucken sollte. Sie stellte sich vor, wie sich der rote Fleck auf der Brust wie ein Einschussloch ausbreitete.
»Was ist? Wieso grinst du?«
Sie schluckte. Das Blut, die Wörter und die Wut, alles schluckte sie herunter, ohne sich daran zu verletzen. Ihre Kehle müsste von innen aufgerissen sein, dachte sie. Aber sie war es nicht. Vielleicht hatten auch ihre ungesagten Wörter an Kraft verloren.

(c) Arwyn Yale

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2 Gedanken zu “Still

  1. Wow, das macht ja richtig neugierig auf mehr. Absolut fesselnd und spannend. Ich bin jetzt schon beigeistert und bin echt gespannt, was noch weiteres folgen wird.

    Liebe Grüße,
    Alex

    1. Danke dir. Ab und zu poste ich hier kleinere Text, die ich zwischendurch schreibe, um in Übung zu bleiben, was Neues auszuprobieren oder einfach so.

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