Nein, ihr seid nicht ausländerfeindlich. Ihr seid menschenfeindlich!

Noch ein Beitrag zur „Flüchtlingsdebatte“ werden sicherlich einige Leute denken. Ich kann aber einfach nicht die Klappe halten und schweigen, nicht nachdem ich zahlreiche menschenverachtende Kommentare/Beiträge gelesen habe.

Es hat schon eine gewissen Ironie von Nationalstolz zu sprechen (und im gleichen Atemzug zu betonen, dass es sich nicht um Ausländerfeindlichkeit handelt), und dann der deutschen Sprache teilweise kaum mächtig zu sein.

Ein paar Bespiele

Genauso ewig heißt es Karantäne und Rennen überall rum ein Witz

Die solln verecken das scheiß Vieh

Dreckspack soll dahin Gehen wo es herkommt brauchen wir Hier nicht

Zuerst den leuten in eigenen Land hier in deutschland helfen und wenn geld über ist dann kan man immer noch die anderen helfen tun

Zu oft gelesen, Sätze die damit beginnen:
Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, ABER …
zuerst sollte man doch den Menschen im eigenen Land helfen, es gibt genug Obdachlose, die auf der Straße schlafen, hungernde Kinder etc ….

Viele Argumente sind schwachsinnig. Ein paar Beispiele:
In Deutschland müssen viele Menschen hungern, während die Asylanten drei warme Mahlzeiten serviert bekommen.
Meine Tante/Mutter/Bekannte, Schwager des Nachbars meiner Cousine dritten Grades muss ihre lebenswichtigen Medikamente selbst zahlen, während die Flüchtlinge die umsonst bekommen.
Die Asylanten bekommen viel mehr Geld als ein Rentner oder Hartz4 Bezieher
Die nehmen uns die Wohnungen weg
Die nehmen uns die Arbeit weg.
Die vergewaltigen Frauen und Mädchen
Die sind doch fast alle kriminell
Die sind undankbar und stellen zu viele Ansprüche
Die meisten kommen doch gar nicht aus Kriegsgebieten, die wollen nur unser Geld.
In Afghanistan ist doch gar kein Krieg, wieso flüchten die also hierher?
Wegen den Asylanten müssen die Schüler nun in Containern unterrichten werden
Blonde Frauen müssen sich die Haare dunkel färben, weil die Asylanten blonde Frauen als »Freiwild« sehen.
Frauen sollten am besten keine kurzen Röcke mehr tragen, weil die muslimischen Asylanten das als Einladung zum Sex auffassen
Die bekommen Tausende Euros Begüßungsgeld
Die bekommen 50 Euro pro Tag nur für Verpflegung

Zahlreiche Menschen haben laut eigener Aussage nichts gegen Ausländer/Asylanten, betonen aber im nächsten Satz, dass man zuerst den Menschen im eigenen Land helfen müsse.
Ich habe mir einige der Texte ganz durchgelesen und hätte am liebsten gekotzt. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen, Vorurteile geschürt/ verbreitet und Lügen geschrieben.
Am meisten könnte ich kotzen, wenn es darum geht, wie viele Asylanten angeblich deutsche Frauen und junge Mädchen vergewaltigen. Meistens ist es der Schwager des Nachbarn der Cousine oder ein Bekannter eines Bekannten eines Nachbarn, von dem das gehört haben will. Oder man hat es »irgendwo« aufgeschnappt. Alle Asylanten werden als potenzielle Sexualstraftäter betrachtet. Die Muslime seien ja schließlich so. Die Asylanten ohnehin. Da würden alle »Gutmenschen« die Augen verschließen.
All denen, die das denken möchte ich mal etwas sagen:
Macht doch mal die Augen auf! Die meisten sexuellen Übergriffe passieren im engeren Umfeld. Die Straftaten, die von »Fremden« begangen werden, sind statistisch gesehen, trotz hoher Dunkelziffer, viel viel niedriger als die, die im engeren Umkreis stattfinden. Dort ist die Dunkelziffer noch höher.
Mich kotzt es an, dass täglich etliche Kinder von »deutschen« Verwandten, Lehrern, Sportbetreuern, Priestern etc über Jahre missbraucht werden und alle machen die Augen zu, gucken nicht hin, gucken weg, wollen nicht wahrhaben, wenn der hilfsbereite Nachbar/Lehrer/Ehemann/Onkel/Schwager etc sich als Pädophiler entpuppt.
Mich kotzt es an, dass sich Frauen nach Vergewaltigungen unverschämte Fragen gefallen lassen müssen, sowohl von der Polizei, dem Krankenhauspersonal bei der Untersuchung, als auch dem eigenen Umfeld. Das beginnt bei Fragen, ob man viel Alkohol getrunken habe, Unterwäsche trug, oft wechselnde Sexualpartner habe, die Situation provoziert habe, vielleicht nicht eindeutige Signale gesendet habe, sodass das Nein doch als Ja hätte aufgefasst werden können usw. Die Liste lässt sich endlos fortführen.
Darüber regt sich kaum jemand auf. Jeden Tag müssen Frauen das über sich ergehen lassen. Juckt fast niemanden. Nein, aber wenn ein syrischer Flüchtling ein Mädchen vergewaltigt, dann fühlen sich auf einmal alle bedroht. Die sind dann ja alle so, die Flüchtlinge. Kein Respekt Frauen gegenüber. Liegt an der Kultur, an der Religion etc.
Wieso verurteilt niemand alle Stiefväter pauschal, wo es doch mehr Stiefväter gibt, die Kinder missbrauchen? Wieso nicht alle Lehrer? Alle Priester? Ja, in diesem Land geht es ungerecht zu, und es wird mit zweierlei Maß gemessen. Aber nicht in Bezug auf die Flüchtlinge. Die Flüchtlinge bekommen die Schuld in die Schuhe geschoben, für Missstände, die schon seit Jahrzehnten in diesem Land bestehen. Missstände für die die Deutschen selbst verantwortlich sind.
Ihr könntet hingucken, Kinder besser schützen.
Ihr könntet dafür sorgen, dass »victim blaming« ein Begriff wird, denn man irgendwann nur noch aus dem Duden kennt. Ihr könnt die Gesellschaft formen. Ihr seid Teil von ihr, verdammt nochmal!
Nicht meckern und beklagen, selbst versuchen was zu ändern. Erst mal vor der eigenen Haustür kehren.

Traurigerweise werden die Facebook Postings, in denen so viel Hass geschürt wird, über 40 000 Mal geteilt. Die wenigen Gegenstimmen bekommen ein paar Hundert Likes.
Und die Leute können noch so oft betonen, dass sie nicht ausländerfeindlich sind. Sie sind noch viel mehr. Sie sind menschenfeindlich.
Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Deutschen ausländerfeindlich ist. Ich glaube, die ausländerfeindlichen Menschen haben weniger Hemmungen, ihre Meinung – erstaunlicherweise oft unter dem Klarnamen- zu posten.
Und wer Worte wie »Dreckspack« für afrikanische, syrische oder woher auch immer kommende Asylbewerber verwendet, der kann unmöglich ernsthaft behaupten, nicht ausländerfeindlich zu sein. Wer solche Kommentare schreibt, wer so denkt (und oft ertappe ich mich dabei, dass ich hoffe, es handelt sich nur um gelangweilte Teenager, die das nur schreiben, um zu provozieren, um zu sehen, wie sich das hochschaukelt), der ist in meinen Augen menschenfeindlich. Was bringt jemanden dazu zu denken, er sei wertvoller, weil er »weiß« ist. Warum wird in den Kommentaren so oft die Hautfarbe betont? Schwarzes Dreckspack, afrikanisches Drecksvieh sind da noch harmlosere Beschreibungen.
Mir machen nicht Afrikaner Angst, die herkommen und denen man mit zahlreichen Vorurteilen begegnet. Mir machen die Menschen Angst, die einfach alles bereitwillig glauben, was sie irgendwann mal gehört/aufgeschnappt haben, ohne es auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Die von Bekannten einer Cousine gehört haben, dass sich 1980 ein Iraner Asyl erschlichen hat, um Frauen auszunehmen. Die eine Tante hatten, die von dem Schwager der Nichte gehört haben will, dass Ausländer dies und das täten.
Die irgendwelchen Bloggern/ »Nachrichtenblogs« glauben, in denen abstruse Behauptungen aufgestellt werden.

Ich glaube, dass den meisten Leuten egal ist, wie die Wahrheit aussieht. Es geht ihnen nicht um die Wahrheit. Die meisten Menschen wollen sich ganz einfach aufregen. Sie schlucken die ganzen schwachsinnigen Argumente, weil sie es glauben wollen! Die Welt ist ungerecht, die Politik versagt, nun haben wir den Salat. Traurig, dass die Flüchtlinge den Sündenbock spielen müssen. Die Probleme in diesem Land bestehen seit Langem und sie werden auch nicht verschwinden, wenn die Flüchtlinge aus Deutschland verschwinden.
Es wird sich über die Politik beschwert. Es wird angeprangert, dass die Deutschen in Suppenküchen essen müssen, um über die Runden zu kommen, dass Rentner Flaschen sammeln, Familien mit Kindern keine Wohnungen bekommen. Diese Probleme bestehen seit Langem. Aber man brauchte anscheinend die Flüchtlinge, um lautstark diese Missstände anzuprangern.

Deutschland ist kinderfeindlich. Seit Jahren. Kinderreiche Familien haben es schwer Wohnraum zu finden. Vereinzelt wurde sich auch früher darüber beklagt. Mehr nicht.
Nun liest man immer wieder »Ich habe nichts gegen Ausländer, Flüchtlinge, ABER… wieso bekommen die ne Unterkunft und uns hilft keine Sau? Das Amt hilft nicht.«
Ich kann verstehen, dass Leute gefrustet sind, wenn sie Schwierigkeiten haben eine Wohnung zu finden. Vor allem, wenn es offensichtlich ist, dass die Vermieter keine Kinder wollen. Die Nachbarn wollen übrigens auch oft keine. Und keine Hunde und Katzen. Und die Leute, die in der Nähe eines Spielplatzes /Bolzplatzes wohnen, wollen auch keine Kinder.
Das ist ein Problem der Gesellschaft. Familien hatten es schon vor zehn Jahren schwer, wenn sie mehr als 2 Kinder hatten, eine Wohnung zu finden. Die Flüchtlinge verschlimmern das Problem nicht. Die Flüchtlinge haben das Problem nicht verursacht. Und dennoch werden sie nun in die Debatte verwickelt. Wieso? Wieso wird das miteinander vermischt? Wieso können die Leute nicht auf die Straße gehen und gegen die Mietpreise protestieren, gegen die Kinderfeindlichkeit etc. Wieso beschweren sie sich erst jetzt so lautstark, wo viele Flüchtlinge kommen? Es liegt nicht an den Flüchtlingen. Es liegt am Großteil der Deutschen selbst. Schaut euch doch um, wo Kinder überall nerven, wen Kinder überall nerven. Wovon die Leute genervt sind. Jeder behauptet von sich, tolerant zu sein, aber die Toleranz endet schnell, wenn die eigene Comfort-Zone bedroht ist. Und das ist sie recht schnell und recht oft.
Die Probleme, die wir haben, werden nicht verschwinden, wenn die Flüchtlinge wieder zurück in ihre Länder gehen.
Die Menschen werden dann nicht plötzlich Kinder mehr mögen, mehr Geduld haben, weniger lärmempfindlich sein, sich weniger über Krach und Kinderlachen ärgern.
Viele Vermieter werden immer noch nicht bereit sein, Wohnungen an Familien mit vier Kindern zu vermieten.
Viele Leute müssen weiterhin mit Hartz4 aufstocken, weil die Betriebe zu wenig Lohn bezahlen, weil zu viel und zu billig in China produziert wird etc
Wenn die Flüchtlinge weg sind, wird sich an der Bildung wenig ändern, es werden weiterhin zu viele Kinder ohne Abschluss von der Schule gehen und zu wenige werden eine Ausbildung absolvieren. Lehrstellen werden weiterhin unbesetzt bleiben, weil die Bewerber nicht die Mindestanforderungen erfüllen, aufgrund der schlechten Bildung.
Die Leute werden nicht geduldiger sein, nicht weniger egoistisch sein.
Sie werden auch nicht hilfsbereiter sein.
Jeder wird sich weiterhin der Nächste sein, und wenn man die Schuld nicht auf Flüchtlinge schieben kann, dann wird jemand anderes die Schuld bekommen. Vielleicht wieder die Menschen aus den neuen Bundesländern, oder Blondinen in zu kurzen Röcken, Vegetarier oder Veganer…

Jeder sollte erst mal bei sich anfangen, sich ehrlich fragen, wie er sich die meiste Zeit des Tages verhält. Ist er genervt vom Kindergebrüll der Nachbarn? Hat er eben Zeit der älteren Dame über die Straße zu helfen, oder muss er schnell den Bus erwischen. Steht er auf, wenn eine Schwangere in den Bus steigt, wenn alle Sitzplätze besetzt sind? Guckt er überhaupt hoch oder starrt er die ganze Zeit auf sein Smartphone und nimmt eh nichts von seiner Umwelt wahr.
Schenkt er der gestressten Kellnerin ein Lächeln?
Bückt er sich, wenn jemandem in der Schlange ein Geldstück runter gefallen ist?
Verdreht er die Augen, wenn ein Kind in der Schlange an der Kasse schreit?
Regt er sich lieber darüber auf, dass ich die ganze Zeit von »er« rede und fühlt sich als Mann diskriminiert oder als Frau nicht wahrgenommen, anstatt sich mit der Thematik zu befassen?

Natürlich kann die Politik einiges bewegen/ändern, wie es viele fordern. Aber die meiste Macht hat das Volk selbst. Die Wahlbeteiligung müsste sich rapide erhöhen. Sich aufregen über Missstände und nicht wählen gehen?!
Aber die Politik kann meiner Meinung nach nur einen kleinen Teil zur Veränderung beitragen. Den größten Anteil hat die Gesellschaft. Jeder einzelne.
Vor allem aber:
Nicht alles glauben, was die Medien verbreiten. Selbst informieren. Dann kann man sich immer noch aufregen. Nicht warten, bis die Schwächsten der Gesellschaft einen fadenscheinigen Grund bieten, um auf die Barrikaden zu gehen und Missstände anzuprangern. Sich bewusst machen, dass die Ungerechtigkeit in diesem Land lange vor der Flüchtlingswelle bestand und weiterhin bestehen wird, wenn der Großteil der Asylgegner weiterhin Ausländer als Sündenböcke braucht.

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8 Gedanken zu “Nein, ihr seid nicht ausländerfeindlich. Ihr seid menschenfeindlich!

  1. Ich sehe es, wie Du!
    Menschen, viele Menschen, die sich in großer Not befinden, die um Ihr Leben bangen mussten, die brauchen die Hilfe anderer Menschen.
    Schon Martin Luther King sagte: Wahre Nächstenliebe ist mehr als die Fähigkeit zum Mitleid.

  2. Ich bin der Meinung die Bundesregierung bzw. die Medien sollten die Bevölkerung viel mehr und besser aufklären um was es hier geht. Bestes Beispiel ist Griechenland. Für die meisten sind die Griechen faul und selbst dran Schuld für ihre Lage. Die wahren Hintergründe kennen die wenigsten und daher solche Vorurteile. Ich kotze mit Dir.

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