»Dort, wo all das Blut ist. Und die Knochen.«

 

Nathan3Sie schraubte die Flasche zu; klemmte sie zwischen die Beine. Den Flaschenhals umklammerte sie fest mit beiden Händen. »Ich will die Dunkelheit nicht mehr sehen, Nathan. Ich …« Sie nahm einen erneuten Schluck aus der Flasche. Nathan sprang auf, griff nach dem Whisky und riss ihr die Flasche aus den Händen. Sie war noch fast voll.
»Welche Dunkelheit?«
Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. »Dort, wo all das Blut ist. Und die Knochen.« Ihre Stirn zog sich zusammen. Sie schluckte schwer und für einen Moment fürchtete Nathan, sie müsse sich übergeben.
Er begann innerlich bis zehn zu zählen, als er merkte, dass er sie am liebsten an den Schultern packen und schütteln wollte, bis sie endlich verständliche Antworten gab. Mit jeder Sekunde, die er ihr gegenübersaß, verstärkte sich seine Unruhe. Das flaue Gefühl im Magen, das ihn mit Betreten der Wohnung erfasst hatte, verwandelte sich allmählich in blanke Angst.
»Kannst du dich vielleicht so artikulieren, dass ich dir folgen kann?« Er bemühte sich erst gar nicht, seine Ungeduld zu kaschieren. Audreys Lippen bewegten sich, doch kein Wort drang aus ihr heraus. Ihre Hände zupften an dem losen Faden eines Kissens, immer wieder wickelte sie das Garn um ihren Zeigefinger.
»Du solltest gehen, bevor …« Das letzte Wort flüsterte sie. Die Augen geschlossen, holte sie tief Luft.
»Bevor was?«
»Etwas passiert«, seufzte Audrey. Ihre Lider flatterten, als blendete sie grelles Licht. Doch in der Wohnung war es nicht besonders hell. Eine Leselampe hinter der Couch tauchte den Raum in ein diffuses Schattenspiel. Nathan stand auf, um die Deckenlampe anzuschalten, stellte dann jedoch fest, dass die Glühbirne fehlte.
»Drei Sätze, Audrey, sag mir in drei Sätzen, was zum Henker los ist, sonst verliere ich meine Geduld!« Die Arme vor der Brust verschränkt, platzierte er sich vor dem Sessel.
Langsam hob sie den Kopf. Als sie ihm ins Gesicht sah, wirkte sie verwundert, als ob sie seine Anwesenheit eben erst bemerkt hätte.
»Sie werden ihn finden. Sie werden ihn sicherlich finden.«
Nathan fuhr sich mit der flachen Hand durch die Haare, seufzte laut und unterdrückte eine Tirade an Kraftausdrücken, die sich ihm aufdrängte. Mit zusammengepressten Lippen zog er sein Handy aus der Jackentasche. Seine Hände zitterten; er hatte Mühe, die Displaysperre zu lösen.
»Verdammt«, rief er, als das Handy aus seinen Händen glitt und zu Boden fiel. Nach dem dritten Versuch schaffte er es endlich, das Display zu entsperren und die Widgets durchzuscrollen, auf der Suche nach seinen Kontakten.
»Rufst du die Polizei?« Audrey ließ vom Sofakissen ab, ihre Hände lagen nun gefaltet auf ihrem Schoss, der durch das Wippen der Beine ständig in Bewegung war.
»Nein, Dad. Er macht sich Sorgen.«
Audrey schnappte nach Luft. »Ruf ihn nicht an. Er wird sterben.« Tränen schossen ihr in die Augen.
»Was?«, Nathan blickte von dem Display auf. Audrey war aschfahl im Gesicht geworden.
»Er wird sterben, wenn du ihn anrufst und er kommt. Auch Mum. Und du. Und die Kinder. Ihr alle«, rief sie schrill.
»Hör auf, so einen Mist zu erzählen!« Ein Klumpen, schwer wie ein großer Stein, breitete sich in seinem Magen aus und drückte gegen seine Eingeweide. Ihre Worte jagten ihm einen Schauer über den Rücken. Nicht die Worte an sich, es war die Art und Weise, wie sie es gesagt hatte. Mit dieser fremden, kindlichen Stimme. Er wurde fahrig, scrollte auf dem Smartphone von Seite zu Seite und fand weder das verdammte Telefonbuch noch die Anrufliste.
»Knochen und Splitter. Und Blut. So viel Blut. Ich wusste nicht, dass Knochen solche Geräusche machen können. Wenn sie brechen.« Audrey stand auf und griff nach dem Whisky.

 

 

 

 

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